Samstag, 22. April 2017

Was ist ein Migrant?



Es ist offensichtlich ein großer Irrtum den „Doppelpass“ als Aspekt des Staatsbürgerschaftsrechtes zu sehen.
Selten habe ich in den Boulevardmedien ein so eindeutiges Meinungsbild in den Kommentaren und Leserzuschriften gesehen, wie nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei.
Da entlädt sich eine gewaltige Wut auf „die“ Türken.
Es scheint einhellige Meinung zu sein, daß Migranten hier nicht benachteiligt oder diskriminiert sind, sondern daß sie vielmehr Sonder- und Extrarechte genießen, die den Deutschen verwehrt sind.
Das kann der Neid-Michl schon mal grundsätzlich nicht leiden.
Daher sei es hohe Zeit den Türken das Privileg der Doppelstaatsbürgerschaft wegzunehmen.
Ein ähnliches Phänomen gibt es beim eigenen Gehalt. Deutsche sind weniger an der absoluten Höhe interessiert, als daran, daß es mehr als das vom Nachbarn sein soll.

 
Unbelastet von jeder Faktenkenntnis hält eine Mehrheit der Deutschen die Doppelstaatsbürgerschaft für schlecht.

In Wahrheit hängt Deutschland rechtlich hinter allen zivilisierten Nationen zurück. Es herrscht immer noch das Ius Sanguinis („Recht des Blutes“, Abstammungsprinzip) und nicht das Ius Soli („Geburtsortsprinzip“) wie in den USA.
Im Jahr 2000 wurde immerhin eine Übergangsregelung geschaffen. Die nach 2000 in Deutschlands geborenen Kinder sollten Deutsche sein – auch, wenn ihre Eltern eine andere Staatsbürgerschaft haben und dadurch zwei Pässe möglich werden. Es ist aber kein klares Ius Soli wie in Amerika, sondern nach wie vor ist der deutsche Geburtsort nicht ausreichend, um Deutscher zu sein. Die Eltern müssen seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben und eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung besitzen. Nur dann gibt es einen deutschen Pass.

Das gilt aber nicht für immer, sondern ist eine Gnade des deutschen Gesetzgebers. Mit 21 Jahren muß man sich für eine von beiden Staatsbürgerschaften entscheiden („Optionspflicht“); nach dem GroKo-Vertrag von 2013.

[….] Mit dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Geburt in Deutschland ist grundsätzlich die Verpflichtung verbunden, sich mit Vollendung des 21. Lebensjahres zwischen der deutschen und der ausländischen Staatsangehörigkeit der Eltern zu entscheiden (sog. Optionspflicht). Während bisher grundsätzlich alle Ius-soli-Deutschen optionspflichtig waren, sind mit der Neuregelung durch das Zweite Gesetz zur Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes (BGBl. I S. 1714) in Zukunft alle Ius-soli-Deutschen von der Optionspflicht befreit, die in Deutschland aufgewachsen sind oder als ausländische Staatsangehörigkeit nur die eines EU-Staates oder der Schweiz besitzen. [….]

Es gibt also legale Doppelstaatsbürgerschaften in Deutschland, aber anders als der amerikanische Staat, der so selbstbewusst ist, daß es ihm schlicht egal ist, welche anderen Pässe ein Amerikaner neben dem US-Pass besitzen, schwingt im Merkel-Deutschland immer noch Hitlers Blutrecht mit.
Zwei Pässe sind möglich, wenn man unter 21 ist, oder wenn die zweite Nationalität wenigstens arisch genug erscheint, um das kostbare deutsche Blut nicht zu sehr zu verunreinigen.
Ein zusätzlicher holländischer oder französischer Pass wird akzeptiert.
Ein Türkischer jedoch keinesfalls. Das Türkenblut gilt dem deutschen Gesetzgeber offenbar als ethnisch besonders schmutzig.
Ich darf das so schreiben, weil rechtlich gesehen mein Blut, welches zur Hälfte amerikanisch ist, ebenso minderwertig ist.
Das habe ich gemeinsam mit Untermenschen-Nationen wie Norwegen, Liechtenstein, Kanada, Australien, Island und demnächst auch England.
Die Bürger dieser Länder – und natürlich aller afrikanischen, südamerikanischen und asiatischen Nationen  - sind es nicht wert neben einem deutschen Pass zu existieren.

Vielleicht kann Frau Merkel, deren CDU auf dem letzten Parteitag die Abschaffung der Doppelstaatsbürgerschaft auch für diese exklusive Ländergruppe forderte, mir mal bei Gelegenheit erklären, wieso sie ein Deutscher nebenher eine schwedische Staatsbürgerschaft haben darf, aber vor einer Norwegischen eine Grenze gezogen wird.
Wieso darf ein russisch sprechender Deutscher gleichzeitig auch Lette oder Este sein, aber nicht Amerikaner?

Die Bedeutung des Ius-Sanguinis-Prinzips zeigt, worum es eigentlich geht: Rassismus.
Man sorgt sich nicht um Deutsche mit zwei Pässen, wenn sie blond und blauäugig sind. Aber dunkle Hautfarbe, womöglich krauses schwarzes Haar oder orientalische Mandelaugen sollen nicht eingekreuzt werden.

So ist auch das Vorpreschen der Bundesbildungsministerin mit ihrer Migrantenquote in deutschen Schulen zu verstehen:
Die nichtarischen „Schwarzköpfe“ sollen minimiert werden.

[….] Bildungsministerin Johanna Wanka hat sich zum Thema Integration in der Schule geäußert. Die Christdemokratin sprach sich dafür aus, den Migrantenanteil in den Klassen zu begrenzen. Ziel des Vorstoßes sei eine erfolgreiche Integration. "Ich bin gegen eine starre Quote, denn die regionalen Unterschiede sind groß", sagte Wanka dem "Focus". "Klar ist aber, dass der Anteil von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund möglichst ausgewogen sein muss." [….]

Es geht Wanka nicht um Nationalitäten.
Eine Klasse mit Haufenweise Halb-Belgiern und Halb-Dänen würde sie durchaus ertragen.
Daß es dunkelhäutige, dunkelhaarige Menschen in Deutschland, ja sogar AMERIKANER gibt, die besser Deutsch als viele Biodeutsche sprechen, ist in der gesetzgeberischen Gedankenwelt nicht vorgesehen.
 (Man sehe sich nur die Kämpfe der AfD-Fans und PEGIDIOTEN auf Facebook mit der deutschen Rechtschreibung und Grammatik an!)
Das erinnert mich an eine Bahnfahrt nach Berlin vor ca 20 Jahren.
Schon damals brannten Asylbewerberheime in Ostdeutschland, man wählte DVU.
Ein Mann um die 40 saß neben mir uns verkündete ungefragt wie wichtig es für Deutschland wäre all die Ausländer rauszuwerfen.
Ich war gerade in so einer Stimmung und ließ ihn reden, warf nur hin und wieder Stichworte ein, um ihn in bestimmte Gedankenrichtungen zu lenken.
Offensichtlich hoffte ich, er würde dadurch am Ende merken wie widersprüchlich er argumentiert und wie unmöglich seine Vision von einem absolut isolierten Deutschland ohne Auslandskontakte war.
Das ging mindestens eine Stunde so; ich staune über meine damalige Philanthropie. Aber argumentativ bewirkte ich natürlich nichts; im Gegenteil, der Typ hielt seine eigenen rassistischen Vorstellungen für so überzeugend, daß er annahm, ich würde nun auch DVU wählen.
Es half alles nichts. Mit so einem kann man nicht reden, schlussfolgerte ich und ließ am Ende die Bombe platzen: „Ich bin übrigens auch kein Deutscher!“
Einen kleinen Moment staunte er; ich erwischte ihn kalt.
„Kanake biste aber nicht, oder?“
Meine Antwort „US-Amerikaner“ ließ ihn dann überlegen und zufrieden grinsen:
„Dann mach‘ dir keene Sorgen, euch brauchen wir noch. Dich bringen wir erst ganz zum Schluss um!“

Wie beruhigend.

Freitag, 21. April 2017

Wenn braun auf schwarz abfärbt.



Einer der auffälligsten NPD-Politiker ist neben Horst Mahler und Bernd Höcke immer noch Lutz Battke.
Das liegt natürlich in erster Linie an seiner grotesken Optik. Er kombiniert eine extreme Vokuhila mit Hitlerbart und einer Seniorinnen-Brillenkette.
Über Geschmack soll man nicht streiten, aber auf jeden Fall hat der frühere Bürgermeisterkandidat des sachsen-anhaltinischen Städtchens Laucha Wiedererkennungswert.
Der ehemalige Bezirksschornsteinfegermeister, Fußballtrainer und NPD-Bezirkschef war 2010 nicht berühmt, aber doch bundesweit berüchtigt geworden, als er seine Jungs vom Lauchaer Fußballverein BSC 99 dazu aufhetzte den jungen Israeli Shahak Shapira zu überfallen.

(…..) Als im April 2010 ein 17-Jähriger Junge einer aus Israel stammenden Mutter in Sachsen-Anhalt von Skinheads schwer verletzt wird, greifen sechs Passanten nicht ein.

Als Noam Kohen [Name geändert!] am 16. April mit dem Regionalzug aus Naumburg zurückkehrt, ist sein Leben in Deutschland noch in Ordnung. Es ist 18 Uhr, er kommt vom Friseur, alles sieht nach einem ganz gewöhnlichen Abend aus. Ein paar seiner Schulfreunde sitzen an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof in Laucha, Sachsen-Anhalt. Noam setzt sich zu ihnen. Kurz darauf kommt Alexander P. vorbei. Er ist 20 und trägt Glatze. Ohne Warnung schlägt er Noam ins Gesicht und brüllt: »Geh zurück, wo du hergekommen bist. Du Judenschwein!«
(Zeit 14.6.2010)

Als die Tat später in Zeitungen auftaucht, stellt sich schnell ein besonderer Tenor ein - Noam sei ja auch selbst Schuld; denn wieso wollte er auch Fußball spielen, obwohl doch jeder wußte, daß der Fußballtrainer im Ort, »Lutz Battke«, der bekannteste und angesehenste Rechtsradikale ist.
Daß er seine Anhänger dazu bringen würde, das „Judenschwein platt zu machen“ sei abzusehen gewesen. Battke wäre zwar ein gewalttätiger Nazi, aber eben auch ein guter Fußballtrainer, da könne man ja auch nicht von der Stadt erwarten irgendetwas gegen ihn unternommen zu haben. (…..)

Inzwischen verarbeitete Shapira (aka Noam Kohen) seine Erlebnisse in Deutschland in einem Buch.

Shahak Shapira: Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde.

Immerhin, den Humor behielt Shapira.

[…..] Wer am 20. April am Haus Nummer 14 der Oberen Hauptstraße in Laucha vorbeiläuft, der erlebt ein interessantes Spektakel. Pünktlich zum Geburtstag von Adolf Hitler hängt eine schwarz-weiß-rote Flagge aus dem Fenster eines zweigeschossigen Hauses. Auf der Fensterkante steht eine kleine Führerstatue, und lauter Neonazi-Rock tönt aus der Wohnung. Lutz Battke wirkt wie eine erfundene Figur, so peinlich genau, wie er dem Klischee eines Neonazis entspricht. Ein Mann in seinen frühen 50ern, dessen braune Vokuhila-Haarpracht den Anschein erweckt, als hätte ein depressiver Biber ausgerechnet auf seinem Kopf Suizid begangen. Am Hinterkopf geht es dagegen umso kahler zu: Business in the front, party in the back. Von Battkes dünner Brille hängt eine schwarze Kordel herab, die in den Falten seines Halses verschwindet. Die absolute Glanznummer dieser äußerst gelungenen Selbstinszenierung prangt allerdings direkt über den hygienescheuen Zähnen: ein kleines, aber feines Hitler-Bärtchen.
Schon der Vater ist Gründungsmitglied des NPD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt gewesen. Der gute Lutz selbst hat es ironischerweise nicht in die äußerst selektive Elite der NPD geschafft: Zwar bekommt er stets die unwahrscheinlich wertvolle Unterstützung seiner Kameraden, doch in Lauchas Stadtrat und im Kreistag sitzen er und seine Mantafahrer-Vokuhila parteilos rum. Kann man etwa selbst für die NPD zu braun sein? Unwahrscheinlich. […..]

 Battke ist geradezu dramatisch auffällig, aber der eigentliche Skandal liegt natürlich darin, daß die normalen, guten Bürger Lauchas wie so oft in Ostdeutschland dem Opfer und den Medien die Schuld gaben.
Was habe diese Jude denn überhaupt im Fußballverein zu suchen gehabt und wieso verlangten die bösen Medien Battke als Trainer zu entlassen? Der mache doch seinen Job sehr gut.

Als der Fall Schlagzeilen macht, stellen sich der  Präsident des BSC 99, Klaus Wege und Lauchas Bürgermeister Michael Bilstein nicht etwa vor das Opfer, sondern geben zu bedenken, was denn ein Jude ausgerechnet im Fussballverein zu suchen habe. 
Jeder wisse doch wie aktiv Trainer Battke in der rechtsradikalen Szene sei.
Einen Grund Battke zu entlassen konnten sie nicht erkennen. 
Er sei schließlich beliebt und ein guter Trainer.
Erst massiver Druck der überregionalen Presse sorgte schließlich dafür, daß Verein und Bürgermeister einknickten und Battke Ende August 2010 doch noch als Trainer entließen. 

Nicht allen Lauchanern gefiel das, Hunderte solidarisierten sich mit dem Geschassten.
Ende 2010 geht Battke sogar in das Rennen um das Bürgermeisteramt. Bei den Kommunalwahlen 2009 hatte die NPD in Laucha 13,5 % erreicht. Kandidat Battke konnte das Ergebnis verdoppeln.

Lutz Battke, der in den letzten Wochen für viel Aufsehen gesorgt hatte, wird nicht Bürgermeister der kleinen Gemeinde Laucha in Sachsen-Anhalt werden. Trotzdem wird das Städtchen in den nächsten Wochen wohl kaum zur Ruhe kommen: Fast jede vierte Person gab dem Rechtsextremisten ihre Stimme.
24 Prozent aller wahlberechtigten Personen wollten Lutz Battke als ihren zukünftigen Bürgermeister. Mit 68 Prozent bleibt jedoch Michael Bilstein im Amt.
[…]
In den letzten Wochen berichteten jedoch unzählige überregionale Zeitungen über den Fall – allein dies kann die NPD als Sieg verbuchen. Gerade gestern noch sprach NPD-Chef Udo Voigt auf dem Bundesparteitag im nur wenige Kilometer entfernten Hohenmölsen in höchsten Tönen von Battke. Die 200 NPD-Delegierten applaudieren, er wird gefeiert.
Und heute feiert man weiter bei der NPD. Lutz Battke wird bejubelt als ein Mann, der sich nicht kleinkriegen lässt, als Siegertypen, als Mann des Volkes.
[…] 
Doch wie kam es, dass insgesamt 435 Personen am heutigen Sonntag ihr Kreuz bei Lutz Battke machten, der bekennender Rechtsextremist ist? Durch das große Medieninteresse der letzten Wochen hätten die Bewohner Lauchas das Gefühl, das „mit dem Finger auf sie gezeigt“ würde. Und obwohl viele mit der NPD nichts zu tun hätten, würde man sich so mit dem Neonazi solidarisieren, erklärte Titus Simon, Rechtsextremismus-Experte der Hochschule Magdeburg-Stendal.


Selbst nach großen Skandalen und Straftaten ist man vielerorts nicht bereit sich von Skinheads und Nazis zu distanzieren.

Mit dem „guten Nazi von nebenan“ - sei es der Fahrlehrer, Schornsteinfeger, Uhrmacher oder Sporttrainer - solidarisiert man sich, auch wenn man sich beeilt festzustellen nicht das politisch-extreme Gedankengut zu teilen.

Aber das sei doch kein Grund so einem nicht die Kinderchen zum Fußballtraining zu überlassen. 

Das „ist eben so“ im Deutschland des Jahres 2013.
Moscheen müssen Polizeischutz haben, Dunkelhäutige können weite Teile Ostdeutschlands nicht betreten,  Schwule sollten in Berlin-Neukölln nicht Hand in Hand gehen. Jüdischen Kindern wird von der Polizei dringend empfohlen auf dem Weg in die Schule keine Kippa zu tragen, weil das einfach zu gefährlich ist.
Was als Fürsorge daher kommt, ist in Wahrheit eine skandalöse Verdrehung von Opfer und Täter.

Was muß diese Junge aus Israel auch ausgerechnet in Ostdeutschland Fußball spielen? Was muß das Mädel auch abends im kurzen Rock rumlaufen?
Was müssen die Schwulen sich auch ausgerechnet vor den Augen lauter Prekariatler küssen? Die nächste Frage erahnt man schon? Was wollen Ausländer (…,Schwule, Schwarze, Behinderte,…) überhaupt hier?
Sind sie nicht selbst schuld, wenn sie auf’s Maul kriegen?
Dazu sage ich ein klares NEIN!

Ausländer sind nicht verantwortlich für Xenophobie und Lesbenpaare haben keine Schuld an Homophobie.
Wir wissen genau, daß dort die Ausländerfeindlichkeit am größten ist, wo es praktisch gar keine Ausländer gibt.
Die widerlichen Missgeburten von der „SSS“ (Skinheads Sächsische Schweiz) beklagen sich über Ausländerströme in einem Landstrich mit einem Ausländeranteil unter 1%.
Antisemitismus existiert sogar ganz ohne Juden. (…..)

2017 sind wir nicht viel weiter.

Die Schauspieler des Theaters in Altenburg-Gera engagieren sich gegen rechts und werden daraufhin vom rechten Mob so angefeindet, daß viele von ihnen schließlich die Stadt verlassen. Die braunen Bürger vertreiben die Theatermacher und rufen zum Boykott auf. Der SPD-Bürgermeister tritt auf den Plan und verteidigt nicht etwa den engagierten Kampf gegen rechts, sondern geht eingekotet auf die Rechten zu.
Was müssen diese Schauspieler auch so provozieren! Statt der Pegida-Bürgerinitiative, die wider das Theater agitiert und zum Boykott aufruft, greift der Bürgermeister lieber den Theaterdirektor an.

[….] Theaterboykott - Bürgerinitiative macht Front gegen Schauspieler
Die Rechte Bewegung in Deutschland hat neben "Merkel" und der "Lügenpresse" einen neuen Feind ausgemacht: Das Theater. Weil Schauspieler sich im thüringischen Altenburg für Asylbewerber stark machten, rief das "Bürgerforum Altenburger Land" zum Theaterboykott auf. Die Schauspieler würden schließlich von Steuergeldern, also vom Bürger finanziert, da hätten sie kein Recht, sich gegen die Bürger zu stellen. [….]

Michael Wolf (SPD), Oberbürgermeister Altenburg:
"Es gibt in diesem Bürgerforum auch Menschen, die ich seit vielen, vielen Jahren kenne und ich habe immer ganz klar und deutlich gesagt: Wir müssen mit den Leuten reden, damit sie uns eben  nicht in dieses rechte Lager abdriften, denn dann sind sie verloren."

Für ihn bleiben diese Hetzer offensichtlich noch immer ernstzunehmende Gesprächspartner.
Ihren Boykottaufruf ließ der Bürgermeister monatelang unkommentiert.
Stattdessen kritisierte er den Theaterdirektor wegen des offenen Umgangs mit den Problemen. In einer schriftlichen Erklärung warf er der Theaterleitung "ein Spiel mit dem Feuer" vor. So bringe man Altenburg "mit rassistischen Denkweisen in der Bevölkerung in Verbindung".
Den SPD-Mann quält hauptsächlich der Imageschaden für seine Stadt, den er wieder loswerden will:

Michael Wolf (SPD), Oberbürgermeister Altenburg
"Ich habe ein Problem damit, wenn eine Stadt stigmatisiert wird, wenn sie in eine rechte Ecke gestellt wird und wir stehen ohnmächtig dieser ganzen Problematik gegenüber." [….]

Die Erbärmlichkeit Michael Wolfs ist kein Einzelfall in Ostdeutschland.
Nebenan in Sachsen-Anhalt sitzen SPD, CDU und Grüne in einer Koalition zusammen.
Ein nennenswertes Engagement der Haseloff-Regierung gegen die Neonaziszene des Bundeslandes mit der 24%-AfD-Fraktion ist nicht bekannt.
Außer den Linken engagiert sich insbesondere Sebastian Striegel, 35, der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen gegen Rechtsextremismus. Der fromme Katholik aus Halle geht dem braunen Rand der CDU ordentlich auf die Nerven.

[….] „Rund 5.000 Menschen leben in Sachsen-Anhalt als sogenannte Geduldete. Wer lange im Duldungsstatus lebt, hat häufig die Sprache gelernt, hat oft eine Arbeitsstelle, hat Bindungen aufgebaut, ist aktiv in Vereinen oder betätigt sich ehrenamtlich. Die Aufforderung zur Ausreise oder gar die zwangsweise Vollziehung dieser Ausreisepflicht in Form der Abschiebung, stellen eine massive Belastung der betroffenen Person dar. Durch eine Abschiebung werden soziale Netzwerke zerrissen. Das sollten wir – im Interesse der Betroffenen, aber auch mit Blick auf die Notwendigkeit von Einwanderung nach Sachsen-Anhalt – nach Kräften vermeiden.“
„Je länger der Aufenthalt von Menschen in Deutschland anhält, desto sinnvoller ist es, diesem Personenkreis eine dauerhafte Bleibeperspektive zu eröffnen und sie nicht dem Regime der nur ‚vorübergehend ausgesetzten Ausreisepflicht’ zu unterstellen.“ […..]
(Statements des Innenpolitischen Sprechers der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag von Sachsen-Anhalt, Sebastian Striegel, 29.03.2017)

Sich für Menschen und gegen Gewalt zu engagieren ist gefährlich in einem Bundesland mit einer so starken Nazi-Szene wie in Sachsen-Anhalt.
Striegel wird von der AfD scharf attackiert und mitsamt seiner Familie derart bedroht, daß er unter Polizeischutz gestellt werden mußte.
Ein ungeheuerlicher Vorgang. Man sollte erwarten, daß die Sachsen-anhaltinischen Politiker nun zusammenstehen, einen Schulterschluß gegen die Nazi-Bedrohung vollziehen.
Aber weit gefehlt. Aus der eigenen Koalition kommen Vorwürfe, er habe sich das mit seinem Engagement selbst zuzuschreiben.
Schäbig und erbärmlich wie Lauchas Bürgermeister Michael Bilstein und Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf poltert die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende los.

[….] CDU-Politikerin zeigt Verständnis für Neonazi-Attacken
[….] Es geht um das Engagement gegen Rechtsextremismus, der Sachsen-Anhalt schon lange plagt. Doch der Vizechefin der CDU- Fraktion im Magdeburger Landtag, Eva Feußner, gefällt der leidenschaftliche Einsatz des parlamentarischen Geschäftsführers der Grünen, Sebastian Striegel, nicht.
Und Feußner keilt aus: Striegel provoziere „bis zum letzten“, hat sie der „Mitteldeutschen Zeitung“ gesagt. Für Feußner hat es sich der Grüne damit auch selbst zuzuschreiben, dass Neonazis ihn und seine Familie bedrohen und das Wahlkreisbüro in Merseburg attackieren. Zwar wolle sie Steinwürfe und Beleidigungen keinesfalls rechtfertigen, sagte Feußner, „aber sie sind auch eine Folge seines Verhaltens“. Striegel tritt der rechten Szene seit Jahren entgegen, beteiligt sich an Demonstrationen gegen Aufmärsche von Neonazis und hat zu Sitzblockaden aufgerufen. Das passt der CDU-Politikerin so wenig wie Striegels Verhalten gegenüber der Polizei.
[….] „Er ist ein Zündler und duckt sich dann weg“, sagte die CDU-Abgeordnete der Zeitung, „er pöbelt Polizisten an und will von ihnen beschützt werden“.
Feußner hat sogar der Landesregierung eine Anfrage geschickt, was der Polizeischutz für Striegel kostet. Die CDU-Frau kommt in diesem Punkt der AfD-Fraktion nahe. [….] Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Siegfried Borgwardt, nimmt hingegen seine Stellvertreterin in Schutz. Er erkenne nicht, dass Feußner "in ihren Äußerungen Gewalt legitimiert, rechtfertigt oder kleinredet", teilte Borgwardt mit. [….]

Donnerstag, 20. April 2017

Good old times



So ein Interview mit Heinrich Bedford-Strohm wirkt noch einige Tage nach.
Nachdem ich seine Worte im aktuellen SPIEGEL ausgebreitet las, fühle ich mich ermattet.
Wie ein geistiges schwarzes Loch entziehen die gegenwärtigen EKD-Fürsten meinen Synapsen die Lebensenergie.
Breit-Kessler, Käßmann und co bestechen mit einer derartigen geistigen Schlichtheit, daß man sie eher in Satireformaten verortet sieht.
Sie wären perfekte Kandidaten für Stefan Raabs Demütigungs-Interviews, in denen er Jugendliche zum Auslachen präsentiert.

Den Niedergang der evangelischen Theologie Illustriert Käßmann mit ihrer BILD-Kolumne mustergültig. Ein paar Zeilen in Deutschlands unseriösester Großbuchstaben-Zeitung, scheinen genau das zu sein, wofür ein EKD-Funktionärs-Intellekt taugt.

(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Man haue mal eben seine eigenen Spontangedanken zu einem Topos heraus, ohne von irgendeiner Spur Hintergrundwissen belastet zu sein und google dazu ein passendes Jesus-Zitat. Oder Luther. Höchstwahrscheinlich gibt es dazu inzwischen auch eine Ebb, damit man nicht allzu lange recherchieren muß.

Ich (Käßmann-Breit-Keßler-Schneider-Bedford-Strohm) finde Rosen hübsch und das sagt Jesus ja auch!

Erschreckend ist aber nicht nur diese intellektuelle Tiefstapelei an sich, sondern daß solche Menschen auch noch mit akademischen Graden dekoriert sind, wie HBS als „Prof“ lehren und von staatlichen Stellen als Ethik-Experten konsultiert werden.

Erschreckend insbesondere aber auch, daß einem Mann mit der geistigen Kompetenz eines Heinrich Bedford-Strohms so viele Seiten in den besten deutschen Periodika, SZ, SPIEGEL, ZEIT freigeräumt werden.

Es handelt sich dabei also nicht nur um Theologen, die selbst nichts in Frage stellen, sondern ihnen werden auch keine Fragen gestellt.
Jesus sagt.., dann ist es auch so.

Dabei ist es ausgerechnet der SPIEGEL, der über viele Jahrzehnte von einem der kenntnisreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts gemacht wurde.

Rudolf Augsteins „Jesus Menschensohn“ ist immer noch das maßgebliche Werk über den historischen Jesus. Ich verwendet die überarbeitete Ausgabe von 1999.



[….] In der gerade erschienenen Fortschreibung seines "Jesus Menschensohn" von 1972 zieht der Journalist Augstein eine Bilanz der Jesusforschung in den letzten 27 Jahren. Der Ex-Katholik (seit 1968) macht publik - und nicht selten erst richtig lesbar, was Theologen in ihrer oft schwer verständlichen Fachliteratur zuweilen mit Absicht verstecken - aus Angst vor ihren Amtskirchen. Denn ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse widersprechen weithin dem, was in der Bibel steht und was auf den Kanzeln gepredigt wird.

Augsteins Fazit: Der Mensch Jesus, wenn es ihn denn gab, hat mit der Kunstfigur des biblischen und kirchlichen Jesus Christus nichts zu tun. Eine Biografie Jesu lässt sich mangels historischer Fakten nicht schreiben. Die meisten Worte, die in der Bibel Jesus zugeschrieben werden, hat er nicht gesprochen, die meisten Taten, die in der Bibel von ihm überliefert werden, hat er nicht vollbracht.
Jesus wollte weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen. Er wollte weder Gott noch die zweite Person eines dreifaltigen Gottes sein. Und schon gar nicht wollte er die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlösen - ein solcher Gedanke wäre ihm absurd erschienen, von der leiblichen Auferstehung ganz zu schweigen. […..]

Augstein untersuchte für die erste Ausgabe von 1972 mehr als 600 theologische und historische Werke über Jesus Christus.

[….] Ich bin nahe daran, Augsteins provozierende These von Seite 103 zu übernehmen: "Definition für Kirche: der Ort, an dem die Irrtümer der jeweils vorangegangenen Theologen-Generation berichtigt werden." ich möchte nur gern anstelle von Kirche Theologie setzen: "Definition für Theologie: der Ort ... usw.". Es erscheint mir als typischer Theologenirrtum (und Augstein ist hier eindeutig unter die Theologen gegangen), Kirche und Theologie gleichzusetzen. Es gehört doch mit zu den erstaunlichsten Wundern, daß sich nicht nur Religion, auch Glaube trotz der Theologie erhalten haben, und daß sogar noch Ansätze von "Kirche" da sind. […]

Augstein zeigt mustergültig wie ein Intellektueller und Wissenschaftler mit dem Thema „Jesus“ umgeht. Das diametrale Gegenteil erleben wir bei den Käßmann-Strohms von heute. Historische Wahrheiten, tiefgründige Analysen sind ihnen gar nicht bekannt. Für sie zählt nur der Jesus, den sie sich in ihrem naiven Kinderglauben selbst gebacken haben. Also ein freundlicher Sozialdemokrat der Gegenwart, der eine Aphorismen-Sammlung zur Untermauerung von EKD-Thesen vorgelegt hat.

Für mich ist es ausgeschlossen religiös zu sein.
Aber Theologie fasziniert mich. Leider stößt man sehr selten auf intelligente Theologen, die selbst gläubig sind.
Die Gläubigen schreiben im naiven Käßmann-Stil, welcher der allgemeinen Intelligenz spottet und die die denkenden Intellektuellen sind nicht gläubig.

Zum Heiligen Jahr 2000 setzte sich Rudolf Augstein im SPIEGEL in einem ausführlichen Artikel mit der Theologie Karol Woytilas, Joseph Ratzingers und den Gedanken Walter Kaspers auseinander.
Kaspar war damals Bischof. Es ist eine interessante Volte, daß sich ein Jahrzehnt später der zum Kardinal erhobene Kaspar zum liberalen Gegenspieler des Papstes Ratzinger entwickeln sollte.
Als Wissenschaftler sind allerdings alle drei Top-Kleriker etwas minderbemittelt.

Zum Einstieg in „Augsteins Theologie“ empfehle ich den besagten Spiegel-Artikel von 1999. Es wahres Lesevergnügen.
Unglaublich, aber wahr, dasselbe Nachrichtenmagazin veröffentlicht nur 18 Jahre später Heinrich Bedford-Strohm, während in derselben Ausgabe Augstein-Junior im Meinungsartikel unter dem Titel „Urbi et orbi“ Papst Franziskus lobpreist.

Wie konnte das Magazin nur so tief sinken?
Zum Glück muß Augstein Senior das nicht mehr erleben.

[…..] "Die Schrift lehrt nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang stünde", behauptet Walter Kasper, derzeit noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart, demnächst im Vatikan tätig und vermutlich übers Jahr Kardinal, in seinem Jesus-Buch. Aber Millionen Unschuldiger sind verfolgt, bestraft und getötet worden, weil die Kirche den Einklang zwischen deren vernünftigem Denken und ihren eigenen Lehren bestritt, dem dogmatischen Verständnis der sogenannten Heiligen Schrift. [….] Wenn es um Details geht, läßt sich vielleicht streiten, ob der Papst und seine engsten Berater jeweils 20, 100 oder 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben sind. Darin unterscheiden sich ihre Texte nicht vom 1993 erschienenen "Weltkatechismus", den eine Kommission unter Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete - offenbar spürbar vom Heiligen Geist erleuchtet (Kardinal Ratzinger: "Wir glaubten oft förmlich die höhere Hand zu spüren, die uns führte") - und den Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" nennt. […..] Die Liste, was Jesus vielleicht oder wahrscheinlich getan hat, ist kurz; die Liste, was er sicher nicht oder ziemlich sicher nicht getan hat, ist lang:
Er hat nicht getauft und kein Abendmahl gestiftet, er hat weder seinen Tod noch seine Auferstehung vorausgesagt. Weder hat er selbst Sünden vergeben, noch hat er eine Vollmacht erteilt, dies zu tun. Paulus jedenfalls weiß von dieser mächtigsten Waffe der jungen christlichen Kirche noch nichts. [….] Seit den Tagen des Jesus und des Paulus ist die Welt nicht vorangekommen; die Menschen haben durch die 2000jährige Wirkungsgeschichte der Christus-Legende, vor allem aber durch das segensreiche Wirken der Kirche, keine höhere Ethik oder Moral erlangt.
Die simple Ethik der alten Griechen oder einzelner Denker wie etwa des Gelehrten aus Jerusalem Rabbi Hillel (circa 30 vor bis 10 nach Christus) könnte für einen Wertekanon ausreichen - wollte man sich an einem solchen heute noch orientieren. Es bedürfte keiner "Christlichen Ethik", wie immer sie zustande gekommen sein mag - zumal sie, wie man sieht, ursprünglich nicht so neu und anders war, wie man vorzugaukeln versucht. [….]