Dienstag, 27. September 2016

Debattennachbetrachtung.



Das ist jetzt wieder so eine Situation, in der ich es für überflüssig halte etwas zu kommentieren, da es ohnehin schon millionenfach kommentiert wurde.
Daher an dieser Stelle keine inhaltliche Analyse der debate, sondern nur einige Tipps zum Umgang mit ihr.

Wie ich gestern schon mutmaßte gab es inhaltlich überhaupt keine Neuigkeiten; nur wer total verblödet ist, wußte vorher nicht für wen er stimmen sollte.

Trotzdem empfehle ich allen, die gestern nicht live dabei waren sich die Debatte anzusehen, weil es doch sehr interessant war wie sie vorbereitet waren, wie Clinton sich nicht provozieren ließ und wie es ihr umgekehrt gelang Trump so zu triggern, daß er immer heftiger grimassierte, schnaufte und zappelte.
Der Gebrauch eines Taschentuchs ist ihm offenbar fremd.


Mein dringender Rat: Man sehe sich eine Version ohne Bildregie an, bei der man nur den Splitscreen sieht, weil man unbedingt beobachten sollte wie der jeweils nicht Redende sich benimmt.

In die Alicia Machado-Falle tappte Trump blind und unvorbereitet hinein, dabei war es völlig klar, daß Clinton damit kommen würde; ihre Kampagne hatte dazu extra Clips veröffentlicht.


Wie erwartet, gelang es ihr insbesondere damit, wenn sie seinen geschäftlichen Erfolg oder gar seinen Reichtum bezweifelte.
Das mag der Mann gar nicht, der seinen eigenen Reichtum alle zwei Minuten als unbelievable und tremendous lobt.




Wie ebenfalls erwartet, wurden Factchecker wieder sehr fündig bei Donald Trump. Der Mann lügt nun einmal wesentlich mehr als er die Wahrheit spricht.


Nach jeder großen öffentlichen politischen Debatte geht es in den „Spinroom“. Es gilt die Deutungshoheit zu gewinnen. Bevor sich die Zuschauer selbst ein Bild machen, will man ihnen suggerieren was sie gesehen haben sollten.
Trump selbst erschien nur zwei Minuten später im Spin-Room und erklärte allen, daß er gewonnen habe. Seine schwachen Phasen wären nur die Schuld des Moderators und des defekten Mikrofons gewesen.
Es gibt aber tatsächlich Menschen, die noch widerlicher als Trump selbst sind. Eine erstaunliche Erkenntnis, die ich kaum für möglich gehalten hätte.
Da sind einerseits die beiden blonden Blödfurien Kellyanne Conway und Kayleigh McEnany, die erklärten, daß Trump gerade in seinen schwachen Momenten so stark war, weil seine Inkompetenz und mangelnde Vorbereitung zeige, daß er näher bei den Menschen wäre und er nichts einstudiert habe.
Noch schlimmer allerdings Trumps ultrarechter Ex-Manager Corey Lewandowski, 43, der eine Bösartigkeit an den Tag legt, wie man sie selten sieht.
Pöbelnd bescherte er sich über den (republikanischen) Moderator Lester Holt, der gar nicht nach Hillarys Skandalen gefragt und Trumps grandiosen Plan vom Mauerbau nicht erwähnt habe.
Eine sagenhafte Erklärung nachdem Donald Trump soeben 90 Minuten vor einem 100-Millionen-Publikum stand und frei gewesen wäre alles anzusprechen was er wollte. Hillary Clinton hatte es perfekt vorgemacht, wie man die Dinge zur Sprache bringt, die dem anderen wehtun.
Lewandowski schiebt nun Trumps ureigenes Debattenversagen bebend und in voller Emphase schreiend allen anderen in die Schuhe.


Wer keine Lust hat sich die vollen 90 Minuten anzusehen, der kann auch die 14-Minuten-Version Trevor Noahs verwenden – zum Genießen:



Montag, 26. September 2016

In der Ponyhofdemokratie.



Es ist verrückt; im mächtigsten Land der Erde ist seit über einem Jahr Dauerwahlkampf, Berichterstattung rund um die Uhr, zwei Milliarden US-Dollar wurden schon für die Kampagnen ausgegeben.
Dennoch wir vermutlich wieder fast die Hälfte der Amerikaner gar nicht zur Wahl gehen und von der wählenden Hälfte wissen ein Drittel noch nicht für wen sie sich entscheiden sollen.
Wie kann das nur möglich sein? Es geht doch nicht darum ein Atomkraftwerk zu designen, sondern man muß lediglich ein Kreuz machen. Man hat zwischen zwei Möglichkeiten – Clinton und Trump – die Wahl.
Die US-Demokratie hat über 200 Jahre auf dem Buckel und ein ausgeklügelt bis überkompliziertes Vorentscheidungssystem, welches am Ende zwei Menschen von insgesamt 330 Millionen in die engste Wahl nimmt.

Und welche beiden waren das noch mal, scheint sich die Welt zu fragen. Also blickt alles gebannt auf die heutige erste „presidential debate“ zwischen den nominierten Kandidaten der Demokraten und Republikaner.
Die Einschaltquote soll die 100 Millionen locker übertreffen.
Kann es wirklich wahr sein, daß so viele Amerikaner immer noch nicht den Unterschied zwischen Clinton und Trump bemerkt haben?
Muß man ihnen das wie einem Plump-Lori am Ritalintropf immer und immer wieder vorführen?
Was taugt eine Demokratie überhaupt, wenn der oberste Souverän ganz offensichtlich so auf den Kopf gefallen ist, daß man ihm eine extrem simple Entweder-A-oder-B-Entscheidung nach einem Jahr der Erklärung immer noch nicht zutraut?
Eine Entscheidung, die in etwa so schwierig ist wie die Antwort auf die Frage „würden sie lieber ihre Hoden durch einen Fleischwolf drehen oder ein schönes Eis essen?“


Inhaltlich gibt es längst keine Unklarheiten mehr. Hillary Clinton hat die Endorsements sämtlicher einigermaßen geistig Gesunder bekommen.

Our endorsement is rooted in respect for her intellect, experience and courage.
Hillary Clinton for President

 Die NYT ruft nachdrücklich dazu auf sie zu wählen und selbst konservative Blätter, die in 100 Jahren keinen Demokraten empfohlen haben, werfen sich nun für Clinton ins Feuer.

[….]  The Enquirer has supported Republicans for president for almost a century – a tradition this editorial board doesn’t take lightly. But this is not a traditional race, and these are not traditional times. Our country needs calm, thoughtful leadership to deal with the challenges we face at home and abroad. We need a leader who will bring out the best in all Americans, not the worst.
That’s why there is only one choice when we elect a president in November: Hillary Clinton. [….]

Republikanische Ikonen wie Paul Wolfowitz und Mitt Romney werden Hillary Clinton wählen. Man munkelt sogar, daß George Herbert UND George Walker Bush Clinton wählen werden.

Der Harvard Republican Club, der sich seit 1888 hinter jeden republikanischen Präsidentschaftskandidaten gestellt hatte, verkünde in einem offenen Brief sich für Donald Trump zu schämen.

But for the first time in 128 years, we, the oldest College Republicans chapter in the nation, will not be endorsing the Republican nominee.
Donald Trump holds views that are antithetical to our values not only as Republicans, but as Americans. The rhetoric he espouses –from racist slander to misogynistic taunts– is not consistent with our conservative principles, and his repeated mocking of the disabled and belittling of the sacrifices made by prisoners of war, Gold Star families, and Purple Heart recipients is not only bad politics, but absurdly cruel.
If enacted, Donald Trump’s platform would endanger our security both at home and abroad. Domestically, his protectionist trade policies and draconian immigration restrictions would enlarge our federal deficit, raise prices for consumers, and throw our economy back into recession. Trump’s global outlook, steeped in isolationism, is considerably out-of-step with the traditional Republican stance as well. The flippancy with which he is willing to abdicate the United States’ responsibility to lead is alarming. Calling for the US’ withdrawal from NATO and actively endorsing nuclear proliferation, Donald Trump’s foreign policy would wreak havoc on the established world order which has held aggressive foreign powers in check since World War II.   Perhaps most importantly, however, Donald Trump simply does not possess the temperament and character necessary to lead the United States through an increasingly perilous world.

Mit dem konservativen ehemaligen CIA-Offizier Evan McMullin gibt es sogar einen offiziellen Gegenkandidaten zu Trump.

Der nächste und schwerste Tiefschlag für Trump kam gestern Nacht – verfasst von 50 prominenten republikanischen Außen- und Sicherheitspolitikern.

Fifty of the nation’s most senior Republican national security officials, many of them former top aides or cabinet members for President George W. Bush, have signed a letter declaring that Donald J. Trump “lacks the character, values and experience” to be president and “would put at risk our country’s national security and well-being.”
Mr. Trump, the officials warn, “would be the most reckless president in American history.”
The letter says Mr. Trump would weaken the United States’ moral authority and questions his knowledge of and belief in the Constitution. It says he has “demonstrated repeatedly that he has little understanding” of the nation’s “vital national interests, its complex diplomatic challenges, its indispensable alliances and the democratic values” on which American policy should be based. And it laments that “Mr. Trump has shown no interest in educating himself.” […..]
(NYT, 08.08.2016) (…..)

Wer sich auch nur ein bißchen mit den US-Wahlen beschäftigt, weiß also, daß Donald Trump nicht wählbar ist. Das sehen selbst engagierte Konservative so.

Wie könnte es auch anders sein, wenn ein Kandidat seit 40 Jahren politischer Profi und der andere eine pathologischer Lügner ohne irgendwelche Erfahrungen ist, der stattdessen rassistisch und sexistisch rumgrölt, Frauen beleidigt, sich über Behinderte lustig macht und ganz offensichtlich unter einer schweren Persönlichkeitsstörung leidet?

"GOP presidential nominee Donald Trump made 87 erroneous statements in five days last week.
That's an average of one misstatement, exaggeration or falsehood for every three minutes, 15 seconds worth of remarks on the campaign trail, according to an analysis by Politico." [….]

Diese unfassbaren Trump-Skandale sind dabei kein verschwörungstheoretisches Geheimwissen, sondern weltweit durchgekautes immer wieder präsentiertes Basiswissen.

In order to help the press, debate moderators, and voters fact check Trump, the Clinton campaign has released 19 pages of Trump lies.
    FALSE: Trump opposed the Iraq War. [….]
    FALSE: Trump opposed intervention in Libya. [….]
    FALSE: Clinton supports open borders. [….]
    FALSE: Clinton wants to get rid of the Second Amendment. [….]
    FALSE: President Obama and Clinton founded ISIS. [….]
    FALSE: Clinton would allow 620,000 refugees into the U.S. with no vetting. [….]
    FALSE: Trump will make Mexico pay for the wall. [….]
TRUMP’S LIES ON DOMESTIC POLICY
[….] Trump suggested “there is no drought” in California because the state has “plenty of water.” // False
[….] He also said water is being shoved “out to sea” to protect a “three-inch fish” at the expense of farmers. // False
[….] Trump said wind farms in the U.S. “kill more than 1 million birds a year.” // No evidence […..][….][….]

Man kann also nicht, nicht Hillary Clinton wählen.

In any normal election year, we’d compare the two presidential candidates side by side on the issues. But this is not a normal election year. A comparison like that would be an empty exercise in a race where one candidate — our choice, Hillary Clinton — has a record of service and a raft of pragmatic ideas, and the other, Donald Trump, discloses nothing concrete about himself or his plans while promising the moon and offering the stars on layaway. [….]

Es geht aber nicht um Qualifikation, um Politik oder Konzepte.
Es geht um ihre Frisuren, ob Trump schwitzen wird. Wird Clinton eine Pinkelpause brauchen, wird sie den Mund beim Lachen zu weit aufmachen und könnte ihre Stimme schrill klingen?

Um das genau zu erörtern, muß es weitere Debatten geben.

First presidential debate (Mon, Sept. 26)
Vice presidential debate (Tues, Oct. 4)
Second presidential debate (Sun, Oct. 9)
Third presidential debate (Wed, Oct. 19)

Warum steht Clinton nicht bei 95% in den Umfragen?
Wieso wollen ähnlich viele Amerikaner lieber Trump wählen?

Natürlich ist eine Erklärung die mit der Zersplitterung der amerikanischen Medien einhergehende Totalverblödung von zig Millionen Amerikanern.
Ich habe einige Exemplare dieser Spezies in meiner eigenen Familie. Wer Trump bewundert und den dubiosen rechten Trash-Talkern im Radio glaubt, ist mit Argumenten nicht mehr zu erreichen.
Das Pack muß man abschreiben.
Wer Höckepetrypalinbachmann bejubelt und aktiv unterstützt, ist für die aufgeklärte Menschheit verloren.

Viel ärgerlicher finde ich aber jene Kategorie Wähler, die zwar eigentlich gute Menschen sind, sich aber nicht mit Politik beschäftigen, vier Jahre fest die Augen verschließen und dann erwarten, daß wie von Zauberhand ihr Idealkandidat auf dem Wahlzettel präsentiert wird.

 Die eierlegende Wolfsmilchsau muß es dann schon sein. Verstand wie Einstein, Aussehen wie ein Covermodel, grundehrlich, bescheiden, altruistisch, witzig, rücksichtsvoll, völlig skandalfrei und geschmeidig, gleichzeitig aber auch mit Ecken und Kanten. Er/sie sollte ein Außenseiter sein, aber natürlich das System virtuos beherrschen.

So sollte es laufen in der Ponyhofdemokratie. Vier Jahre Stroh fressen und in der Sonne chillen und wenn die Wahl ansteht, springt aus dem Nichts der Überkandidat auf den Wahlzettel.
Jemand, der einen auch noch zu Hause abholt, sich für die Stimme bedankt, so daß man sich auch noch anschließend selbst den Bauch pinseln kann, weil man so eine weise Entscheidung getroffen hat.

Aber Überraschung, Überraschung. In der echten Realität ist es nicht so.
Wer sich überhaupt nach oben auf den Wahlzettel durchbeißt, kann kein nur netter Mensch sein, weil er ohne ruppigen Ellenbogengebrauch gar nicht nach oben gekommen wäre.
Politische Apathie fördert das System, welches Soziopathen und Borderliner bevorzugt, weil sie nicht gestellt werden.

Amerika ist wie Deutschland.
So wie hier rumgejault wird, daß die SPD einen verraten habe und man daher schmollend zu Hause sitzen werde, um dann mit reinem Gewissen tatenlos zusehen werde, wie wieder die CSU in die Bundesregierung gelangt, beschweren sich US-Linke mit großer Emphase darüber, daß Bernie Sanders nicht auf dem Wahlzettel steht, sondern wieder nur die ganzen Apparatschiks.

Aber so ist das eben, wenn man nach dem kurzen Aufmerksamkeitspeak von 2008 nicht mehr zur Wahl geht und lieber American Idol glotzt während 2010 der Kongress von den Teebeutlern übernommen wird oder 2016 einige frustrierte Omen und Open die Briten aus der EU kegeln.


Wer sich nicht kümmert ist schuld an der Verkrustung der Funktionärsstrukturen.

Trump hat es jetzt deswegen so leicht, weil verblödete und desinteressierte Wähler ihm alles glauben.
Er konnte aber nur so weit kommen, weil er kaum jemals von Journalisten richtig gestellt wurde.
Man berichtete devot von jedem Rülpser, den der republikanische Orang von sich gab, multiplizierte jeden seiner Sätze.
Die US-Medien sind allesamt zur größten kostenfreien Werbeagentur aller Zeiten mutiert.
Vielleicht wäre auch das anders, wenn es mehr politisches Interesse gäbe, wenn die Menschen gute Zeitungen kaufen und bezahlen würden, wenn dadurch Profijournalisten finanziert und angesehen wären.
Aber offensichtlich waren die Herren und Damen der vierten Gewalt so klamm, daß sie sich nicht trauten Trump wirklich zu konfrontieren. Anderenfalls wäre er eben nicht mehr in die Shows gekommen und die Werbeeinnahmen wären weggesackt. Werbeeinnahmen, von denen News-Unternehmen abhängig sind, weil die Millennials der Kostenlos-Kultur frönen und meinen im Internet müsse man nicht factchecken und nicht bezahlen.
Bißchen Twitter und Instagram reicht doch, um informiert zu sein.

Und der Abschluß-Witz des Tages.
Nach der absolut blamablen Interviewvorstellung des NBC-Kollegen Matt Lauer, der Trump bereitwillig und ohne Nachfragen auf dem Leim gegangen war, sol les nun heute Lester Holt besser machen.

Factchecken darf er zwar nicht, weil Trumpianer das nicht wollen, aber er könnte womöglich nach einer offensichtlichen Trump-Lüge Clinton das Wort geben.

Der GOPer ist schon mal prophylaktisch entsetzt und log drauf los, diese Debatten seien ohnehin „rigged“ (genau wie die Vorwahlen und Hauptwahlen).

[….] Trump hingegen spricht seit Wochen davon, dass die Wahl manipuliert und er als Anti-Establishment-Kandidat benachteiligt werde. Seine Liebe zu Verschwörungstheorien bewies er mit diesem Kommentar bei Fox News: "Lester ist ein Demokrat. Ich meine, sie sind alle Demokraten. Okay? Es ist einfach ein unfaires System." [….]

Konkrete Fragen? Hu, wie unfair. So einer muß ja gegen ihn sein.

Nun ist Lester Holt aber seit 13 Jahren Mitglied der Republikaner, also Trumps Partei, also mitnichten Demokrat.

Eine der vielen Trump-Lügen.

Auf diese Lüge angesprochen, erklärte die Großlügnerin und Trump-Kampagnenchefin Kellyanne Conway allerdings, es wäre keine Lüge, da ihr Chef nun mal die Fakten nicht gekannt hätte.

Ach sooo, na dann ist alles in Ordnung.

Donald Trump’s campaign manager Kellyanne Conway says the candidate didn’t lie when her erroneously labeled NBC Nightly News anchor Lester Holt, a registered Republican, as a Democrat. Holt will moderate Monday night’s presidential debate at Hofstra University. In an interview on MSNBC’s Morning Joe, Conway said in order to lie, Trump would have had to know Holt’s party registration to begin with.
“I don’t know that he knew what Lester Holt’s voter registration was,” she said. “He didn’t lie. A lie would mean that he knew the man’s party registration.”

Aber bevor man sich allzu sehr empört; Angela Merkel tat das auch schon, als sie rumhetzte, es ginge nicht an, daß die Griechen so viel Geld von der EU bekämen und dann mehr Urlaub als wir machten.

Als herauskam, daß Merkel glatt gelogen hatte – die Jahresarbeitszeit in Griechenland liegt fast 25% über der in Deutschland, verkündete Merkels Regierungssprecher, die Kanzlerin habe das nicht gewußt und somit auch nicht gelogen.
Das Ende ist bekannt: Merkel wurde mit Rekordergebnis wiedergewählt.

Sonntag, 25. September 2016

Werte im wahrsten Sinne.



Die abendländischen Werte, auf die sich Rechtsdemagogen wie Björn Höcke oder David Berger beziehen, sind allgemeingültig nicht zu definieren.
Was manch Linker als Aufforderung zur Nächstenliebe und Freundlichkeit aus der „christlich-jüdischen Kultur“ herausliest, ist für evangelikale Amerikaner und Dunkelkatholiken à la Akif Berger nur eine Chiffre, um andere Menschen abzuwerten und zu misshandeln.

[….] Die AfD spricht gern von Werten. Klingt gut, bedeutet aber: Die Partei will Menschen vorschreiben, wie sie zu leben und zu lieben haben.
Als ich noch ein Kind war, benutzten aktive konservative Politiker gern und oft den Begriff "Werte". Damals fiel es mir schwer zu entschlüsseln, was sie damit eigentlich meinten. Später verstand ich: In Wahrheit ging es den "Werte"-Verfechtern in der Regel um die Ablehnung von Irgendetwas - Homosexualität, urbanes Single-Leben, alleinerziehende Mütter, arbeitende Frauen, liberale Abtreibungsgesetze, laute Musik, originelle Frisuren, Jeans mit Löchern.
[….] Nun aber gibt es wieder eine Partei in Deutschland, deren aktive Vertreter den Begriff "Werte" bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemühen, gern in Kombination mit "Sitten und Normen". Wenn etwa Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke "Werte" sagt, dann ist das Wort "Familie" meist nicht weit. Höckes Vorstellungen von "Werten" umfassen aber auch eine "positive Identifikation mit ihrer Geschichte", die der deutschen Jugend in der Schule heute "vorenthalten" werde. Oder die Ablehnung einer angeblichen "Früh- und Hypersexualisierung unserer Kinder". [….] Wenn Höcke "Werte" sagt, dann meint er zum einen das gute alte "es war nicht alles schlecht", deshalb will er auch lieber wieder "Denkmäler errichten" statt "Mahnmale" und beschwört ständig unser "liebes deutsches Volk". Und zum anderen das, was konservative Politiker noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter "Werte" verstanden: die Ablehnung aller Lebensformen, die nicht einem konservativ-bürgerlichen Familienbild entsprechen. [….]

Diese “Werte” der AfD braucht kein Menschen.

Humanistische Werte, wie Menschenwürde und Toleranz mußten hingegen mühsam in 200 Jahren der Aufklärung gegen den erbitterten Widerstand der Christen erkämpft werden. Und wir müssen sicherlich noch einige Dekaden weiterkämpfen, denn einiges wird noch im Jahr 2016 erbittert von der großen Christenkoalition im Bundestag bekämpft:
Sterbehilfe, Patientenverfügung, PID, freie Entscheidungen über Schwangerschaften, Adoptionen und Eheschließungen, Tierschutz – um nur einiges zu nennen, das die Bundeskanzlerin ablehnt.
Merkel und die Union definieren christliche Werte also offenbar ganz anders.
 Für sie ist es wichtig Schwule rechtlich zu benachteiligen, Menschen zu entmündigen, Waffen in Krisengebiete zu liefern und 50 Millionen Küken zu schreddern.

Also vergessen wir doch die moralischen Werte, wenn diejenigen, die sich am meisten darauf einbilden am grausamsten gegen andere Menschen agieren.
„Moral Majority“ nennen sich die Wertkonservativen in Amerika seit Ronald Reagans Zeiten. Darunter versteht man: Ja zu Folter, Ja zu Todesstrafe, Nein zu Bürgerrechten, Ja zu Angriffskriegen, Ja zur Umweltzerstörung.

Konzentrieren wir uns lieber auf Sachwerte. Geld, Besitz, Immobilien, Juwelen, Aktien, Firmenanteile.
Das sind die Werte, nach denen fast alle streben und die man klar definieren kann.

Die realwirtschaftlichen Werte können allerdings von den „moralischen“ Werten tangiert werden.
Wirft man alle humanistischen Werte über Bord, schrumpfen womöglich in der Folge auch die Sachwerte.

Das erlebt gerade die Türkei, die in den ersten 10 Erdogan-Jahren ein rasantes Wirtschaftswachstum hinlegte und so wohlhabend wie nie zuvor wurde.
Es wurde viel verdient und ebenso viel gibt es jetzt auch zu verlieren durch Erdogans Metamorphose zum Diktator.

Politische Situation schadet Wachstum.
Der gescheiterte Militärputsch Mitte Juli und die darauffolgende Säuberungswelle gibt nicht nur auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Grund zur Sorge - auch die türkische Wirtschaft hat unter dem harten Kurs der Regierung empfindlich zu leiden.
Die Ratingagentur Moody's senkt den Daumen über die Türkei. Die langfristigen Verbindlichkeiten würden nun nur noch mit "Ba1" bewertet, teilten die US-Bonitätswächter am Freitagabend (Ortszeit) mit. Das ist zwar nur eine Herabsetzung um eine Stufe, bedeutet aber, dass die Türkei aus dem so genannten Investment-Bereich in den Ramsch-Bereich hineinrutscht. [….]

Ähnliches erleben wir in Ostdeutschland (und leider auch Westdeutschland) durch die AfD-Affinität.


Die rechtsradikalen Attacken in Brandenburg, Mecklenburg Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt schaden der Wirtschaft.

Rechtsextremisten und Rassisten werden in Deutschland immer häufiger gewalttätig. Von Januar bis Mitte September registrierte die Polizei bereits 507 Fälle fremdenfeindlicher Gewalt. Damit hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt. Insgesamt wurden in den ersten achteinhalb Monaten des Jahres mehr als 1800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge registriert. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums an die Grünen-Fraktion im Bundestag hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Demnach legten Neonazis und Asylgegner in diesem Jahr schon 78 Mal Feuer, die Polizei zählte sieben Tötungsdelikte. [….]

De Maizières Behörden sind genauso wie David Berger und Björn Höcke aber auf dem rechten Auge blind und reagieren hysterisch auf die islamistische Gewalt, obwohl diese zahlenmäßig viel geringer als die durch Rechtsradikale ist.

Trotz der Zunahme rechter Gewalt stufen die Behörden nur 20 Rechtsextremisten als sogenannte Gefährder ein. Zum Vergleich: Bundesweit sind 520 islamistische Gefährder registriert. Das sei «nicht verständlich», sagte Grünen-Innenpolitikerin Irene Mihalic dem «Spiegel»: «Da klafft im rechten Bereich ein gewaltiges Loch zwischen der Anschlagswirklichkeit und der Zahl derer, die man real im Fokus hat.»

Da Rechtsextrem im Gegensatz zu Linksextremen grundsätzlich amoralisch und feige agieren, sind ihre Opfer ausschließlich unter den Schwachen zu finden:
Schwule, Flüchtlinge, Behinderte, Obdachlose.

Opfer, für die sich auch der Staat offensichtlich kaum interessiert.
Man stelle sich nur mal vor durch rechtsextreme Gewalt wären im Jahr 2016 schon 1.800 Gewalttaten gegen Millionäre verübt worden. Dann wäre aber Alarm im Bundesinnenministerium.
Der Wertekompass des Innenministers befindet sich also offensichtlich in gewaltiger Schieflage.
Wird gegen Arme und Schwache Gewalt ausgeübt, weil Rechte meinen damit ihren Werten zu frönen, stört es den wertkonservativen de Maizière scheinbar wenig.

Erst die Folgen der Folgen der Folgen, wenn statt der humanistischen Werte auch Sachwerte betroffen sind, wenn Arbeitgeber um ihre Profite bangen, alarmiert die Bundesregierung.

[….] Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit könnte das Image deutscher Produkte verschlechtern und so der Wirtschaft schaden. Das sagte Arbeitgeberpräsident Kramer der "Passauer Neuen Presse". [….] Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hat vor Schäden für die deutsche Wirtschaft gewarnt, sollte die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland weiter um sich greifen. "Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir im Ausland für unsere Willkommenskultur gefeiert wurden. Das ändert sich gerade. Jetzt zeigt sich ein anderes Bild", sagte Kramer der "Passauer Neuen Presse".
Wenn "nachhaltig der Eindruck entsteht, dass der Fremdenhass stärker ist als die Willkommenskultur, wird das ein großes Problem", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Das könnte unter anderem dazu führen, dass das Image deutscher Produkte leidet und die Investitionsbereitschaft zurückgeht."
[….] Kramer bemängelte in diesem Zusammenhang zudem die "Verrohung der Sprache", insbesondere in der Politik. "Leider äußern sich Politiker heute gegenüber Flüchtlingen und Fremden in einer Weise, die ihnen vor einiger Zeit noch peinlich gewesen wäre. Das ist unerträglich", sagte der BDA-Chef.   Vielleicht glaubten manche Politiker, dass die Bürger bei den etablierten Parteien blieben, wenn sie sich mit scharfen Worten über Flüchtlinge äußerten. "Aber das Gegenteil ist der Fall. Wer gegen Fremde ist, sucht sich das Original und nicht die Kopie", sagte Kramer mit Blick auf die Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD. [….]