Sonntag, 3. März 2013

Weinen mit den Konservativen.



Ach sie haben es schon schwer, die ideologisch Braun-schwarzen in der Union.
Nun schleift das BVG auch noch die über so viele Jahrhunderte selbstverständliche Homophobie.
Das kann doch nicht richtig sein, wenn man über so viele Zeitalter geltende Regeln einfach wegwirft.
Sklaverei, Rassentrennung, Apartheit, alle diese schönen konservativen Ideologien gingen schon verloren.
1974 wurde sogar das Frauenwahlrecht in der Schweiz eingeführt. Das kann doch nicht richtig sein, daß Weiber mitbestimmen.
Die Strafe folgte auf den Fuß – schon mokieren sich die Emanzen, wenn Rainer Brüderle auf 5 Promille sich von ungehorsamen Hühnern, die aber „ein Dekolleté gut ausfüllen“ können, „die Tanzkarten“ vorlegen läßt.
Und jetzt soll man noch nicht mal mehr über Tunten und Leckschwestern ablästern, weil das BVG seine irren Ansichten auf das Volk pressen will?

"Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor den Verfassungsrichtern?"
- Erika Steinbach.

Die armen Konservativen haben unter schleichender Erosion zu leiden.
 Insbesondere seit die kinderlose, geschiedene Ost-Protestantin Merkel die Parteispitze okkupiert, fallen die konservativen Merkmale immer schneller. 
Wehrpflicht weg. Mindestlohn kommt. Atomausstieg. Schuldenübernahme anderer Länder. Homoehe? Gibt man womöglich bald auch noch das Hanf frei?
Was ist eigentlich Konservatismus? 
Wodurch unterscheidet sich das konservative Weltbild zum Beispiel von einem Mittigen, wie es die Kanzlerin zu haben vorgibt?
Um diese Frage zu klären bildete sich innerhalb der CDU der sogenannte Berliner Kreis.
Dieser Kreis um "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen"-Wolfgang Bosbach, Hessens Rechtsaußen Christean Wagner und Stahlhelm-Steinbach kreiste um sich selbst; kreißte schließlich eine Kapitulation.
Die Veröffentlichung des groß angekündigten „konservativen Manifests“ im August 2012 mußte abgesagt werden, da den Ewiggestrigen außer „wir sind dagegen“ nichts eingefallen war.
Was „konservative Politik“ bezüglich der Mehrwertsteuer, der Bundeswehrauslandseinsätze oder der Windenergie sind, konnten sie auch nicht sagen.

Konservativismus ist eine Grundstimmung, die man nicht positiv formulieren kann, weil sie sich aus ihrer negativen Sicht auf Minderheiten heraus definiert.

Konservative sind nicht zufällig fast immer extrem religiös. 
Sie folgen der gleichen „wir sind besser als die“-Ideologie und steigern ihr Selbstwertgefühl nie aus sich selbst, sondern durch Erniedrigung „der anderen“. 

Konservative sind notorische Minderheiten-Basher. 

Sie mögen keine Ausländer, keine Farbigen, keine Schrillen, keine Ökos, keine Müslis, keine Homos, keine Punker, keine Rocker, keine Nonkonformisten.
 Sie mögen gar nichts, das nicht so denkfaul verknöchert ist, wie sie selbst.
Dieses konservative Odeum in wohlklingende Worte zu fassen, fällt naturgemäß schwer.
Es fällt umso schwerer, wenn einem die neue öffentliche Moral verbietet Schwule, Zigeuner, Zivis oder Langhaarige zu verdammen.
Es fällt umso schwerer, wenn einem (anders als in England) eine Historie fehlt, auf die man sich berufen könnte.
Joachim Käppner fasst das Kernproblem der deutschen Konservativen sehr schön zusammen.

Bei dieser Debatte wird eines meist vergessen: Der deutsche Konservativismus ist lange schon tot.
Er starb nicht als Held unter den Guillotinen des Zeitgeistes. Er hat sich selbst umgebracht, weil er sich - bis auf tapfere Ausnahmen - den Nazis auslieferte, sich zu ihrem Pudel machte und 1945 mitunterging. Der konservative Geist in Deutschland, so vielfältig er war, verstand sich seit der Französischen Revolution als Gegenentwurf zur Moderne, zum Parlamentarismus, zur westlichen Welt.
Die Weimarer Republik bekämpfte er mit enormer Destruktivität, 1931 hieß es in einer typischen Kampfschrift der Deutschnationalen: "Autorität, Gottesgnadentum, Treue, Vaterlandsliebe, Achtung vor fremdem Hab und Gut wurden in die Rumpelkammer verwiesen - neue Götter wurden auf dem Throne erhoben: Demokratie, Nacktbewegung, Kameradschaftsehe, schrankenloser Libertinismus."

Konservativ zu sein, heißt sich denkerisch einzuschränken.
 Man muß Teile der Realität ausblenden.
 Nur indem er viele theologische und historische Entwicklung grundsätzlich ignoriert, oder aber ziemlich dreist fälscht (Beispiel Kant) kann er konservativ sein.
Wer sich der Realität annimmt und ohne Scheuklappen Informationen aufnimmt, kann nicht konservativ bleiben.
Gerade in deutschen Medien wird Benedikt XVI. gern als ein überaus gebildeter, feinsinniger Gottesgelehrter geschildert. Doch Bildung ist in der theologischen Wissenschaft ein deutungsoffener, umstrittener Begriff. Weder die katholische noch die evangelische Universitätstheologie kennen einen klar umrissenen, allseits akzeptierten Bildungskanon. Joseph Ratzinger entwickelt nicht nur einen ganz eigenen, platonisierend unhistorischen Denkstil, sondern entwirft sich auch einen höchst individuellen Kanon theologischer Klassiker, die er gern affirmativ liest.
[…] Sehr schlecht ist es um seine Kenntnis der modernen politischen Ideengeschichte und der deutschsprachigen Philosophie um 1800 bestellt. Die 'Kantische Revolution der Denkungsart' ist ihm völlig fremd geblieben, und wo er Kant überhaupt zu Wort kommen lässt, sind die Zitate nicht korrekt - selbst in der amtlichen Fassung der berühmten 'Regensburger Rede' nicht. Von Robert Spaemann, dem für ihn wichtigsten lebenden Philosophen, übernimmt er die Kritik am 'Banal-Nihilismus' eines Richard Rorty und diverser Pluralismustheoretiker. Sieht man von einzelnen Verweisen auf Gierkes Genossenschaftsrecht ab, nimmt Ratzinger moderne sozialwissenschaftliche Theorien nicht zur Kenntnis.
Dieser teils alteuropäisch weite, teils irritierend enge Bildungskanon erlaubt es ihm auch im Papstamt, die Geschichte der konfessionellen Pluralisierung des Christentums seit dem 16. Jahrhundert und damit zugleich die Ideen- und Kulturgeschichte der Moderne primär als eine Verfallsgeschichte zu deuten - aber in Begriffen, die er aus protestantischen Debatten aufgreift und dann umformt.
(Professor Friedrich Wilhelm Graf, SZ, 01.03.13)
Wer sich aber geistig nicht so einschränkt wie Bosbach, Katharina Reiche, Kauder, Hasselfeld oder eben Ratzi, muß seinen Konservatismus irgendwann über Bord werfen.

Dieser Erkenntnisschritt kann individuell durchaus als schockierend empfunden werden.
Der (ehemals) stramm konservative Kulturchef und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat ihn dennoch durchgeführt.
„Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“
Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer größer, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang. Gerade zeigt sich in Echtzeit, dass die Annahmen der größten Gegner zuzutreffen scheinen.
Bitter.

 Aber nach dem Coming Out fühlt man sich besser!

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